ATARAXIA

15 Ataraxia

Für Klavier und Orchester (1988)

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15 Ataraxia – Für Klavier und Orchester (1988)

Ataraxia

 

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“Ataraxia” heißt Unerschütterlichkeit und ist ein zentraler Begriff im Denken Epikurs. Dort steht zu lesen: ‘Unerschütterlichkeit und Schmerzfreiheit sind Lustzustände. Man nimmt sie unmittelbar als Bewegung (kinesis) wahr’.

Diese Bewegung steht am Schluß des Stückes im Klaviersolo Synastria, das sein Zentrum in den Intervallen von Quart (Quint) und Tritonus hat, welche sich um die harmonische Essenz des Werkes drehen. Der achtsätzige Weg zur Unerschütterlichkeit ist um das Vexierspiel von Tritonus und Quart herum aufgebaut, und dieses Spiel durchzieht auch die komplexeren Passagen wie ein roter Faden. Erst in diesem Schlußsolo zeigt sich “Ataraxia” in seiner Eigentlichkeit: der Beziehung zwischen dem Fixstern Ton B und den beiden zwar benachbarten, doch harmonisch gegensätzlichen Tönen Es und E. Das Erkennen der gemeinsamen Referenzen – Synastria heißt Sternenfreundschaft, das Wort wird bereits bei Sokrates erwähnt – kann erst jetzt, nach Abwerfen der Besessenheit, geschehen.

Der Vorgang des Durcharbeitens jener kinetischen Affekte, welche die Unerschütterlichkeit verstellen, vollzieht sich in den Sätzen Declinatio – Pathé- Hedoné – Galène – Metakosmia -Simulacra.

Im allerersten Satz, dem Klaviersolo Daimon, das den Pianisten als Protagonisten des Gesamtprozesses gleich mit den immensen interpretatorischen Schwierigkeiten des Stückes konfrontiert, geschieht die Exposition der anfänglichen Besessenheit. Eine einstimmige, viermal oktavierte Linie spaltet sich zunehmend bis zu einem fünfstimmigen Gebilde auf; ein Vorgang, der dem griechischen Verständnis von Daimon – der Lebenskraft, aber auch der Besessenheit – folgt. Die so entstehenden Figurenkonstellationen erzeugen Aufruhr (taraké); er hat seine Ursache in seelischem Schmerz, wird damit zur Quelle von Enttäuschungen, heftet sich von neuem an leidenschaftliche Illusionen und gerät so in einen Kreislauf, der mit dem Einsetzen von Declinatio erst einmal unterbrochen wird.

Mit dem Begriff der Atomdeklination versucht Epikur die Willensbildung zu erklären. Ihm zufolge ist der Seelenkörper die Summe der über den ganzen Körper verstreuten Atome, die von größter Feinheit und Fortbewegungsgeschwindigkeit sind. Die unterschiedlichen Feinheitsgrade erlauben, vier Seelenteile zu unterscheiden: den namenlosen als feinsten, den feurigen, den windartigen, den luftigen; sie sind repräsentiert durch Klavier, Blechbläserquartett, Holzbläserquartett und Streichquartett. Ihre Mischung bestimmt die Persönlichkeit: “im Zustand zorniger Erregung wird alles Seelische am deutlichsten als Einheit kenntlich, so als durchströmte den Menschen eine einzige Empfindung.” (Epikur)

Dieser Zustand bildet das Ende von Daimon und wird in Declinatio abgeschüttelt. Es geschieht dies durch Abweichungen (declinationes) der senkrecht fallenden Atomfolgen (siehe unten: Erklärung zur Generierung der Tropen) voneinander, sodaß sie miteinander kollidieren und sich zu Figuren der kinetischen Affekte umformen. Die aus den Daimon-Strukturen abgeleiteten, abwärts arpeggierten Skalen wandeln sich durch den Vorgang der Deklination zu Abbildern, die sich aus den anonymen, fallenden Klangkaskaden lösen. In Ubereinstimmung mit Epikur sind diese Abbilder extrem leicht und geschwind und erzeugen durch ihr gegenseitiges Tadeln, Bekämpfen und Umstimmen Impulse, weiche aufgrund solcher Verstrickung zu Leid und Schmerz führen: Pathé.

Hier versucht der Pianist sich aus den Verstrickungen und Verknotungen zu befreien, in welche die Affektfiguren ihn verwickelt haben. Der Klaviersatz spiegelt diese Knoten wider durch ein vierstimmiges, sich gegenseitig blockierendes Geflecht in enger Mittellage. Die Knoten lösen sich und machen den “milden und sanften Bewegungen” (Epikur) des Satzes Hedoné Platz, der so zur Negation von Pathé wird, die Affekte zu transzendieren sucht. Damit bringt Hedoné die Entlastung, die zur Unerschütterlichkeit führt, um einige Schritte weiter.

Es folgt die leere Mitte des Stückes – Galène (Meeresstille) genannt -, ein kurzes Klaviersolo von äußerster Reduktion, das auf den Fixstern B des Schlußsatzes hindeutet, selbst dort, wo es ihn mit dem Ton H verfehlt.

Laut Epikur sind die Götter von der Welt getrennt. In dem Raum zwischen beiden Bereichen erstreckt sich die Metakosmia, die Zwischenwelt. In ihr entstehen göttliche Abbilder, die mit unerhörter Schnelligkeit durch den Kosmos bis zu uns dringen und im Spiegel aufgefangen werden können. Der Satz Metakosmia, dessen ruhig bewegter Orchesterklang als Verkörperung der Zwischenwelt anzusehen ist, zeigt dem Protagonisten allerdings – gleich dem in menschliches Schicksal nicht eingreifenden Verhalten der Götter – die abgewandte Seite des Spiegels. Mit anderen Worten: der Protagonist schweigt während dieses Satzes, von zwei kurzen Einwürfen abgesehen, welche die Vision eines Abbilds und dessen Echo symbolisieren. Eine dritte Passage – Ende des Satzes und Übergang zum nächsten in einem – bedeutet die Drehung des Spiegels dergestalt, daß die Abbilder sichtbar werden. Die Drehung leitet mithin über in den Satz Simulacra (Abbild, Trugbild, Schattenbild).

Simulacra sind laut Epikur feinste Gebilde, die sich wie Blattgold miteinander verbinden: “Ihre unvorstellbare Geschwindigkeit erkennt man daran, daß ein Spiegel, wo immer man ihn hinwendet, sofort die Bilder eben jenes sich lösenden Gebildes zurückwirft, ebenso wie er zeigen kann, daß sie mit unvorstellbarer Leichtigkeit entstehen.”

Im Satz Simulacra werden das Drehen des Spiegels und die Geschwindigkeit der Abbilder in einem zwar rasenden, aber unaggressiven Dialog des Klaviers mit dem Orchester nachgezeichnet. Die Grundintervalle des Stückes – Quart (Quint) und Tritonus – erscheinen in ständig neuer Verschränkung zueinander. Dabei hat der Pianist zwei in der Artikulation (legato/ staccato) wie in den Bewegungskurven voneinander unabhängige Verläufe über den ganzen Registerbereich zu spielen. Beide werden jeweils von den Instrumentalgruppen gespiegelt, bis sich die Intervallessenz des ganzen Werkes, herauskristallisiert zu einem Equilibrium der verfeinerten Stimmungen, das den Gegenpol der anfänglichen Besessenheit bildet.

Dieser ganze Gang zur Unerschütterlichkeit beruht auf einer Reihe von Ableitungen der in Daimon exponierten Strukturen. Zunächst wird eine Folge von achttönigen Skalen in ein magisches Quadrat achter Ordnung eingegeben, das Eulersche Springerquadrat, mit dem sich – resultierend aus einer Springerprozession innerhalb der jeweiligen vier Unterquadrate sechzehnmal vier Tropen zu je vier Tönen gewinnen lassen. Schicht 1 besteht aus sechzehnmal vier Umkehrungen (Grundform/Umkehrung/Krebs/Krebsumkehrung) mal vier Transpositionen (auf A, B, H, C), mithin aus 256 Tropen. Diese Schicht bildet in Declinatio das Klangmaterial der fallenden Atomfolgen. Die Schichten 2, 3 und 4 sind Ausfilterungen dieser Tropen zu Figuren, welche die abnehmende Affektbesetzung nachzeichnen und den folgenden Sätzen zugrunde liegen. Die Filterung geschieht mittels des Sieb des Erastothenes. Schließlich bleiben die Zentraltöne übrig, deren Grundintervalle sich in Simulacra noch durch den Spiegelgarten bewegen, bis sie in Synastria in ihrer Eigentlichkeit aufscheinen.

Der Zustand der Unerschütterlichkeit liegt dennoch sicherlich jenseits der Komposition Ataraxia