DISTENTIO

für Streichtrio (1992)

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Distentio
für Streichtrio (1992)

 

Distentio

 

Das Stück entstand 1992 und ist Heinz-Klaus Metzger zu seinem sechzigsten Geburtstag gewidmet.Es ist das zweite Stück einer Reihe ÜBER DIE ZEIT nach, Festina lente. Die Komposition beruht auf Gedanken, Meditationen und Erwägungen des Philosophen Aurelius Augustinus über die Zeit und insbesondere über den, Begriff distentio, die er in seinen Confessiones (ca. 396 n. Chr.), speziell im XI. Buch, niedergeschrieben hatte. Den vier Bedeutungsebenen der Lesarten dieses Begriffs entsprechen vier der fünf Sätze. Der Mittelsatz jedoch, das Zentrum der Komposition, ist mit Töpferscheibe überschrieben.

Jede der vier Bedeutungsebenen – Ausdehnung, Zerspannung, Zerrissenheit und Zerstreutheit führt auf eine Referenzstelle bei Augustinus zurück, aber auch das der Töpferscheibe beruht auf seinen Gedanken.

Was bei dem Begriff “distentio” fasziniert hat, ist die Gespanntheit zwischen den Zeiten, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aber auch das Paradox ihrer Gleichzeitigkeit und damit ihrer Überwindung, wie es im Denkmodell der Töpferscheibe zum Ausdruck kommt. Die Erfahrbarkeit der Zeit ist in diesem Modell eine Art innerer Anschauung oder, noch einfacher gesagt, wie ich die Zeit empfinde, so ist sie. Eine typische Haltung für Kompositionen aus diesem Umkreis ist es, den philosophischen Gedanken, der Anlaß ist fürs Komponieren ist, zu materialisieren; die Spannnung zwischen den Zeitebenen werden unmittelbar in die Hand des einzelnen Interpreten gelegt und macht ihre Gleichzeiitigkeit (wie in einem Realität gewordenen Paradox) physisch erfahrbar – zumindest für die Spieler. Das wird erreicht, indem jeder Musiker gleichzeitig einen Flageolett-Ton und ein Glissando auf der danebenliegenden Saite spielt, das sich von der unmittelbaren Nachbarschaft des Flageolettgriffs bis zur entferntesten Position, also bis zur größten Spanne der Hand, hinzieht. Dazwischen werden noch Pizzicato-Töne eingestreut. Auch die Töpferscheibe erfährt eine Materialisierung, denn in die Runde der Spieler wird eine echte Töpferscheibe gestellt, die quasi unhörbar durch die Berührung mit den Bögen verlangsamt oder gestoppt wird. Man könnte die Glissando-Bewegung mit der Vergangenheit (memoria) in Verbindung bringen, die Pizzicato-Töne mit der Gegenwart (contuitus) und die Flageoletts – als die unwirklichsten Klänge- mit der Zukunft.

Ad 1

Mein Leben ist eine Ausdehnung.

Ad 2

…das Leben dieser meiner Handlung zerspaltet sich…

Ad 3

Wie ferner: wenn alle Himmelslichter erlöschten und sich nur noch das
Rad eines Töpfers drehen würde, gäbe es dann keine Zeit, durch welche wir die Bewegungen dieses Töpferrades messen könnten? Könnten wir dann nicht sagen, es vollende seine Umläufe in gleichen Zwischenräumen, oder, wenn es sich bald langsamer, bald schneller drehen würde, die Umlaufzeiten seien bald länger, bald kürzer?

Ad 4

Meine Gedenken, das innerste Leben meiner Seele zerreißen sich in stürmischem Wechsel…

Ad 5

Ich aber bin ganz aufgegangen in der Zeit, deren Ordnung ich nicht kenne…
(Augustinus Confessiones, Buch XI)