SUAVE MARI MAGNO

SUAVE MARI MAGNO

CLINAMEN I – VI
für sechs Orchestergruppen (1996-1998, 2010-2013)

SMM_Dirigierpartitur_130702

 

„Suave mari magno turbantibus aequora ventis e terra magnum alterius spectare laborem.“ – „Süß, wenn auf hohem Meer die Stürme die Weiten erregen, ist es, des anderen mächtige Not vom Lande zu schauen.“ (Lukrez, De rerum natura, II 1,2)

 

„Wenn die Körper durchs Leere nach unten geradewegs stürzen mit ihrem eignen Gewicht, so springen zu schwankender Zeit und an schwankendem Ort von der Bahn sie ab um ein Kleines, so, dass Du von geänderter Richtung zu sprechen vermochtest. Wären sie nicht gewohnt sich zu beugen (declinare), würde alles nach unten, wie die Tropfen des Regens, fallen im grundlosen Leeren, wäre nicht Anstoß entstanden noch Schaden Körpern geschaffen worden. So hätte nichts die Natur schaffend vollendet.“ (Lukrez, De rerum natura, II 217ff)

 

Clinamen I „Epikur-Transkriptionen“

Clinamen I versucht anhand ausgewählter Textfragmente von Epikur, die nach der Analogie von Buchstaben und Skalen des Aristoxenos in Klänge übersetzt wurden, den Begriff des Clinamen darzustellen. Dabei entsprechen die sechs Orchestergruppen je drei Lesungen des gleichen Textes analog der antiken Singstimme und je drei analog der antiken Instrumentalstimme. Die drei Lesungen weichen mikroskopisch voneinander ab, da sie die chromatische, enharmonische und diatonische Lesung des Textes sind. In der Instrumentation wird eine makroskopische Abweichung zwischen den Gruppen durch drei metrische Formen erzeugt. 1.) dirigiertes Metrum; 2.) vom Stimmführer der jeweiligen Gruppe dirigiertes Metrum und 3.) freies Metrum. Diese ermöglichen das „Clinamen“ sowohl für den Spieler, der streckenweise dem Dirigenten folgt oder nicht folgt, wie für den Hörer, der die Relationen ähnlicher Texturen wahrnehmen kann. Diese Methode der

„Übersetzung“ von Textfragmenten in musikalische Strukturen hat seine Entsprechung im Clinamen V, in dem zu den Epikur-Fragmenten Passagen aus Jeremias hinzu treten

 

Clinamen II „Die Apologie des Buchstaben h“

Dieser Satz hat seine Entsprechung im Clinamen VI, dort eine maximale Streuung des Tonraums – gemäß dem immer schneller drehenden und durchdrehenden Rad der Zeit- hier eine minimale Streuung des Tonraums gegenübersteht. Ein sich in wechselnden Dichtegraden um das Publikum drehender Kanon über den minimalen Tonraum h und his (=c’), zeichnet einen Gedanken aus Hamanns „ Apologie des Buchstaben h“ nach. Johann Georg Hamann (1730-88) ging es darum, gegen einen Kantianer zu wettern, der das h aus dem Alphabet streichen wollte, z.B. im Wort „das Wahre“, in dem das h nicht zu hören ist. Das his ist dann die Metapher für das Nicht-Hören dieses Buchstabens h.

 

Clinamen III „Gotisches Lineament“

Wie in Clinamen II und VI wird ein Kanon zum Materialträger zwischen den Orchestergruppen. Ein sechsstimmiger asymmetrischer Kanon verknüpft sich zu einem Flechtwerk – ähnlich den gotischen Steinranken des Bildhauers Veit Stoß – und ist hier Gegenstand des Prinzips der Abweichung. Jeder Ictus einer der sechs Kanonstimmen hat eine unterschiedliche Dauer und Wiederholungsstruktur, und so ändert sich die Richtung des kanonischen Weiterreichens und Verzahnens permanent innerhalb und zwischen den Orchestergruppen. Gleichzeitig, gegenläufig, dann wieder Gruppen überspringend, innerhalb einer Gruppe rotierend, läuft ein sechsstimmiger Gang durch das Labyrinth eines magischen Quadrats von 144 Primzahlen, jeweils von anderen Seiten und Spiegelungen beginnend, sich verlaufend und doch zugleich endend.

 

Clinamen IV „Ikat“

Die optische Unschärfe der Ikat-Technik zum Einfärben mehrfarbiger Stoffe, ist ein Verfahren, das von Afrika und Ostasien bis Osteuropa verbreitet ist. Dabei wird das Endmuster durch die Art und Weise, wie die Fäden abgebunden und getrennt gefärbt werden, im Voraus bedacht. Diese Vorstellungskraft ist nie exakt und führt immer zu Unschärfen, so dass die Farben des fertigen Stoffes ineinander verfließen. Diese Unschärfen werden hier in musikalische Texturen übertragen. Dies  geschieht mittels eines dicht gewobenen chromatischen Totals aus vertikalen Quartschichtungen, ausgeführt zunächst von zwölf Bratschen, dann auch auf den übrigen Streicherkorpus übergreifend. Gegenstand dieser Auffächerung von Unschärfen ist eine Transkription eines Liedes aus Usbekistan, gespielt auf Dutar (eine zweisaitige im Quartabstand gestimmte Laute) und Sato (eine mit Bogen gestrichene zweisaitige Laute).

 

Clinamen V „Jerusalem-Artischoke“

Wie schon Clinamen I, folgt auch Clinamen V einer Buchstaben/Ton-Analogie, hier werden zwei Texte gegenübergestellt. Auf der einen Ebene wiederum Textfragmente Epikurs – vertreten durch hohe flirrende Klänge – auf der anderen Ebene der ins altgriechisch übersetzte Anfang des Jeremia – vertreten durch tiefe rhythmisch pointierte Klänge. Die epikuräische Welt des Lichten und Gelassenen trifft auf die prophetische Welt des heiligen Zorns, was in ein vielschichtiges querständig gefügtes Stimmengewirr mündet: Mitunter erklingen nicht weniger als 70 Einzelstimmen, verdichtet in bis zu zwölf Schichten der sechs Lesungen Epikurs und der sechs Lesungen Jeremias, z.B. Jer.1.10: „Ausreißen und niederreißen, vernichten und einreißen, aufbauen und einpflanzen.“

 

Clinamen VI „Rad der Zeit“

Im weit gestreuten Tonraum  saust ein sechs stimmiger Kanon wie ein sich immer schneller drehendes Rad um das   Publikum, zunächst in einem weiten Einsatzabstand, der sich zunehmend enger verzahnt. Gegenläufig dazu ist jedes  Ensemble in sich zu drei asymmetrischen Unterkanons aufgeteilt. Schließlich winden sich Bordune durch das Getümmel und scheuchen die sich in verschiedenen Geschwindigkeiten drehenden Kanons hin zu einem sausenden Stillstand, hinein in eine Aporie, in der das sechssätzige „Suave Mari Magno“ endet. Die Quelle für Clinamen VI findet sich bei dem Frühromantiker Wilhelm Heinrich Wackenroder in seinem „wunderbarem morgenländisches Märchen von einem nackten Heiligen“: „ …er höre unaufhörlich in seinen Ohren das Rad der Zeit seinen sausenden Umschwung nehmen“. So rufen die Orchestermusiker dem Publikum einen zentralen Satz daraus zu: „Ihr Unglückseligen! Hört ihr denn nicht das rauschende Rad der Zeit? „