VOCES ABANDONADAS

VOCES ABANDONADAS
(ANTONIO PORCHIA)
para Piano

primera serie 2005
Für Helmut Lachenmann zum 70sten
segunda serie 2006
Für Morton Feldman zum 80sten

 

„Voces Abandonadas (Antonio Porchia) para Piano primera serie (2005) segunda serie (2006)“

Das 40 minütige Klavierstück ist der Versuch die 514 Sentenzen des gleichnamigen Buches von Antonio Porchia in Klangembleme zu übersetzen, die meistens nur einen Takt, oft nur einen Bruchteil eines Taktes oder nur eine Fermate lang dauern und bruchlos ineinander übergehen. Im Kompositionsprozess wurden die Sentenzen in der gleichen Reihenfolge wie sie in der Vorlage stehen reflektiert. Dabei entstand die Form der Komposition als Sekundärprozess, erzeugt durch die semantischen Bezüge der Sentenzen untereinander. Ein Prozess, der sich dadurch einstellte, dass für die synonymen und metonymen Verkettungen musikalischen Verknüpfungen entstanden. Immer wieder auftretende formstiftende Wortfelder sind: „Alles“, „Nichts“, „Zeit“, „Warten“, „Liebe“, „Augen“, „Augenblick“,„Übel“, „Schmerz“, „Gutes“,„Minute“, „Jahre“, „Ewigkeit“, „Sterne“, „klein“, „groß“, „weniger“, „mehr“, „entfernen“, „kreisen“,„eins“, „meins“, „morgen“, „heute“, „halten“, „stürzen“, „Traum“, „Leben“ „Ketten“„Blumen“.

Der Kompositionsprozess dauerte ein Jahr und ging tagebuchartig voran, ohne konstruktive Vorgaben, direkt auf die jeweiligen Sentenzen reagierend. Die aufeinander folgenden Sentenzen waren oft gegensätzlicher Natur, sodass die Musik stets über Bedeutungsklippen hinweg sich artikulieren musste. Dabei wird wahrnehmbar, dass die zunächst disparat gereihten Klangsentenzen zunehmend im Fortschreiten des ca. 40 minütigen Stücks ihre eigene Sprache zu sprechen beginnen. Die abstrahierten, kondensierten Klangembleme werden zu Bausteinen einer musikalischen Logik, die aber wiederum die Logik der Reihung in Porchias Buch aufzeigt, so wie man eine Landschaft in ihren Strukturen erst aus der räumlichen Distanz erkennen kann. „Voces Abandonadas“ ist das erste Stück in einer Reihe von Kompositionen, die sämtliche Sentenzen (ca.1200) von Antonio Porchia in Musik übersetzen. Hier seien einige der Sentenzen angefügt:

(W.Z.)

„Wenn der Mensch Flügel hätte, würde er tiefer sinken.“

„Uns entglitten nicht so viele Dinge, wenn beim Entgleiten nicht andere kämen.“

„Die Jahre, die ich zu wenig lebte, und die Jahre, die ich zu viel lebte, ergeben zusammen… mein Alter.“

„Ich sehe nicht durch meine Augen, sondern durch andere Augen, die sahen.“

„Meine Vergangenheiten erwachen noch heute, aber meine Heute erwachen nicht mehr.“

„Der Mensch ist so gemacht, daß es ihm nicht möglich ist, gut zu sein, auch nicht, wenn er gut ist.“

„Die ältere Zeit löscht, was die jüngere Zeit schreibt.“

„Die Überreste überfüllter Wünsche überfüllten unsere Wünsche.“

„Wer sein kann, der er ist, wie wenig ist er für den, der nicht sein kann, wer er ist!“

„Die Seele der Dinge ist nicht die, die wir in die Dinge legen.“

„Das Ewige ist das Ergebnis vergänglicher Leben.“

„Uns als Gestürzte zu zeigen, ist nicht peinlich; peinlich ist zu zeigen, was uns zum Sturz bringt.“

„Es kann mehr beginnen, wer mehr vergisst.“

„Nach außen richtest du dir auf, was du dir nach innen vertiefst.“

„Der Mensch, wenn es sagt ‚der Mensch ist so’, sagt er  nicht ‚ich bin so’“.

„Das Beste wollen wir von einem Morgen, immer, und es ist aus einem Gestern, immer.“

„Du hast mein Herz bezwungen, aber du musst noch deins bezwingen, um zu siegen.“

„Wer seine Augen den Sternen nähert, entfernt sich unendlich weit von seinen Augen.“

„Mir gegenüber verhielt sich das ganze Universum fehlerfrei, nur der Mensch nicht, mein Ebenbild.“

„Scheinbar gibt es ausserhalb von uns nur noch schlecht gemachte Nachahmungen von dem, was es in uns gibt.“

„Wenn das Oberflächliche mich ermüdet, ermüdet es mich so sehr, das ich einen Abgrund zum Ausruhen brauche.“

„Eine Sache ist, bevor sie vollendet wird, nur Lärm, und vollendet ist sie Stille.“

„Wir haben eine Welt für einen jeden. Aber wir haben nicht eine Welt für alle.“

„Gäbe es dieses ewige Suchen, wenn das gefundene existierte?“

„Wir nehmen die Leere wahr, indem wir sie füllen.“

„Geradeausgehen verkürzt die Entfernungen. Und auch das Leben.“

„In vollem Licht sind wir nicht einmal ein Schatten.“

„In eine erfüllte Seele passt alles, und in eine leere Seele passt nichts. Wer sieht das ein?“

„Und  wenn es nichts gibt, das dem Gedanken gleicht, dann ist entweder der Gedanke nur Gedanke, oder der Gedanke ist alles.“

„Die Verurteilung eines Fehlers ist ein weiterer Fehler.“

„Ja, ich habe bereits alles gehört. Jetzt fehlt mir nur noch zu schweigen.“

 

Über Antonio Porchia schreibt Cornelia Jentzsch:

Diese inneren Stimmen Porchias bestehen aus knappen ein bis drei Sätzen und scheinen aus unbeleuchteten Abgründen des Universums zu kommen. In Form anonymer Nachrichten hatten sie sich in ganz Argentinien verbreitet. Nach dem Ende der argentinischen Militärdiktatur entdeckte man eine Weihnachtspostkarte, geschrieben von einer Gefangenen an ihre schwangere Mitgefangene. Beide Frauen waren offensichtlich in den Folterhöllen der Diktatur umgekommen. Zurück blieb nur ihre postalische Botschaft über Misshandlungen, ergänzt um die sie tröstende Stimme eines ihnen Unbekannten: „Die Liebe, die nicht ganz Schmerz ist, ist nicht die ganze Liebe.“

Weit über Lateinamerika hinaus bekannt wurde der 1885 in Kalabrien geborene und 1968 in Buenos Aires verstorbene Antonio Porchia, wenig wahrgenommen hat man ihn bisher im deutschsprachigen Raum. Man kann Porchias Stimmen einschalten, sprich lesen, an welcher Stelle man immer auch will. Stets blendet ein besonders lichter Moment. Das Buch erforscht sich wie ein modernes argentinisches I-Ging. „Das Leben dauerte länger, wenn die Angelegenheiten des Lebens nicht so lange dauerten.“ ist noch einer der harmlosesten Sätze. Porchia ist ein Meister des Relativierens, eines sich auf jeweils bilaterale Ansätze zurückbiegenden Denkens. Seine Poesie spiegelt diese ungewöhnliche Denkmomente, die umso vertrauter und verständlicher erscheinen, desto abseitiger sie liegen. So in dem Satz, dass der Mensch alles aus der Sicht der gegenwärtigen Minute beurteile, ohne zu verstehen, dass er nur eine Minute beurteile: die gegenwärtige Minute.

Das Universelle auf das Menschenmögliche zu reduzieren, damit das Unmögliche im menschlichen Dasein umso sichtbarer wird, das ist einer der Handgriffe dieses argentinischen Dichters. „Wenn eine Ewigkeit nicht genügt, um mich zu erfahren, genügt ein Augenblick.“ oder: „Eine Minute ändert alles, und all die Millionen Jahre ändern nichts.“ Seine scheinbar sprachlichen Alogismen wandeln sich zur Logik der Seele und des Menschlichen. In einem Satz von ihm heißt es, hätte der Mensch Flügel, würde er tiefer sinken. Man hält zunächst inne, liest erneut und vernimmt erst, aus der Lineatur der Sätze geschleudert, die dissonanten Töne wie auch den Schimmer Trost. Dieser Satz ist der poetische Zwilling jener bekannten Binsenweisheit, die besagt, je höher man steige, desto tiefer falle man. Die Binsenweisheit appelliert direkt an die Moral. Porchias Satz dagegen spielt auf das utopische Vermögen des Menschen an und tröstet über mangelhafte Möglichkeiten seines Realisierens hinweg.

„Man lebt in der Hoffnung, eine Erinnerung zu werden“